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Presseberichte: Hanno Edelmann 1960 - 1969

Ausstellung Hanno Edelmann im Völkerkundemuseum

Um geistige Auseinandersetzung bemüht

Im Völkerkundemuseum zeigt Hanno EdeImann bis Ende Januar seine Arbeiten aus den letzten vier Jahren. Unter den jüngeren Hamburger Malern — Edelmann wurde 1923 geboren und studierte nach der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft von 1948 bis 1952 an der Landeskunstschule — gehört er zu den Künstlern, die sich grundsätzlich zur gegenständlichen Malerei bekennen und zugleich um einen neuen Ausdruck bemüht sind, um einen Ausdruck für die heutige Situation des Menschen, die bei Edelmann durch einen.ungeheuren Ernst gekennzeichnet ist.

Seine Figuren sind schmal, in die Länge, gezogen, dünngliedrig. verletzbar und in spitzen, kantigen Linien in die Bildfläche eingespannt. In den neuesten Bildern ziehen sie sich immer mehr in den Malgrund zurück, als scheuten sie sich, sich aus der Anonymität zu lösen, und nur durch ein intensiveres Flimmern der Farbe werden sie von der umgebenden Fläche abgehoben. Manches weist in die Nähe von Büffet freilich ohne die aggressive Schärfe des Franzosen. Edelmanns Gestalten sind ergebener und mit einer leidvollen Gegenwart einverstanden. Ein von den Kräften der Krankheit und des Todes gezeichnetes Menschenbild, sagt Dr. Gustav Guhr, der Hamburger Arzt und Kunstfreund, im Vorwort des reich bebilderten Katalogs.

Wie sehr es dem Künstler nicht nur um formale Probleme, sondern um geistige Auseinandersetzung geht, zeigt sein in Thema und Format gleich ungewöhnliches, 4X2 m großes „Tritptychon" mit den Apokalyptischen Reitern auf der linken und dem falschen Christus auf der rechten Tafel und einem das neue, befreite Dasein symbolisierenden Mittelbild.

Außer den Figurenbildern, von denen wir ein charakteristisches Frauenbildnis wiedergeben, sind einige besonders schöne Landschaften, wie der „Heidehof mit Göpel", die „Seezeichen" und „Im Hafen" hervorzuheben. Bei den Zeichnungen sind es vor. allem die Blätter von Fehmarn aus dem letzten Sommer, die das Motiv der Fischerhäfen und der Reusen scharf und prägnant erfassen und dabei die Details einer einheitlichen graphischen Idee unterordnen. sl.

Hamburger Abendblatt 1960

Ausstellung Völkerkundemuseum

Man darf sich immer wieder über die Tatsache freuen, daß es in den Hamburger Museen, deren Sammlungen allenfalls im Zeichen von Volkskunst oder der Kunst der primitiven Völker stehen, Direktoren gibt, die sich über den ihnen gezogenen Rahmen hinaus regelmäßig für das Werk einheimischer Künstler einsetzen. Der Leiter des hamburgischen Museums für Völkerkunde und Vorgeschichte, ein profunder Kenner und Forscher der Maya- und Aztekenkunst, opfert solchem Zweck mit schöner Konsequenz einen gerade für Kunstausstellungen sehr geeigneten, hellen und nicht sehr hohen, in den Proportionen deshalb auch glücklichen Oberlichtsaal. Aber er nimmt keinen Einfluß auf die Auswahl der hier zur Diskussion gestellten Einzel- oder Gruppen-Ausstellungen. Die Künstlerschaft muß das schon selbst verantworten.
So bleibt es natürlich nicht aus, daß das Niveau des hier sich Präsentierenden und Offerierenden erheblichen Schwankungen unterworfen ist. Unbedeutendes folgt auf bemerkenswert Interessantes, Unausgegorenes auf wohlabgewogene, jurierte Gruppen-Demonstrationen. Wer in Hamburg Mondrianisten kollektiv sehen will, der wird sie bezeichnenderweise nur hier und nicht in der Kunsthalle oder im Kunstverein finden.
Der Grimm-Schüler Hanno Edelmann, Hamburger vom Jahrgang 1923, empfing seine Grundausbildung 1941 auf der Meisterschule in Posen und besuchte nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft 1948 vier Jahre lang die Hamburgische Landeskunstschule, aus der die Hochschule für bildende Künste hervorging. Edelmann ist einer der wenigen Jüngeren, die den Mut hatten, sich für den freischaffenden Malerberuf zu entscheiden. Man sah im Verlauf der letzten Jahre. auf den Jahresausstellungen des Berufsverbandes regelmäßig Arbeiten des jungen Spätexpressionisten, deren farbliche Intensität und Lebendigkeit gleichwohl die Ausgewogenheit der Komposition niemals gefährdeten. Jetzt stellt sich Edelmann der hamburgischen Öffentlichkeit im Museum für Völkerkunde mit einer Kollektivausstellung. Allein sechsundzwanzig Leinwände aus dem Jahre 1959 zeigen den schöpferischen Impetus dieses Hamburgers, sobald er zur Ölfarbe greift.
Nicht alle Arbeiten sind von der Qualität etwa seines ..Jahrmarkts", in dem Edelmann bis an die Grenze gegenständlicher Abstraktion vorgestoßen ist und mit dem er sein bisher reifstes Werk vorstellt. Das Triptychon ist der Versuch, sich mit der Zeit und dem Kriegserlebnis auseinanderzusetzen. Anders als Bernard Buffet, der drei oder vier Jahre jünger sein mag und die Kriegszeit in keineswegs immer makaberen, wenn auch hungernden Paris verbracht hat, bevor er unter die Existentialisten geriet versucht Edelmann, Erinnerung an Kriegsängste und das Gefühl des Sichwiederfindens, der Wiedergeburt, in dem Vorhaben seines Triptychons Gestalt werden zu lassen.
Das ist leichter gesagt als getan, ist leichter erfühlt, als in Form und Farbe zwingend auszudeuten. Die Aussage Edelmanns bleibt verschwommen, unklar. Man spürt das Wollen mehr aus der Farbe als aus dem, was hier — figurativ nur teilweise in Form gebracht — ausgesagt wird. Ein Gekreuzigter in dunklem warmem Braun in der rechten Bildtafel — der Maler nennt ihn „der Falsche Heiland" — ist Mittelpunkt dieser Vertikal-Komposition, die, von einem gelb-gleißend hereinströmenden Licht durchflutet, Sakrales anzukündigen scheint: Blasphemie oder Eingebung eines tiefreligiösen Menschen, der überall den falschen Erlöser unserer Zeit wittert? Im linken Triptychon-Flügel findet man „Die apokalyptischen Reiter" — vielleicht nach langem Suchen! — als Roboter verkleidet. Die Komposition der Gesamtfläche dieses Teils der Arbeit hat viele Schwächen. Auch der Mittelteil ist, obwohl insgesamt überzeugender, nicht schlüssig in Kompositionellen und in der geistiger Aussage Lesen unsere jungen Maler zu wenig, gehen sie nicht ins Theater? Wer sich an solche Themen wagt, muß sich eins wissen mit den geistigen Strömungen der Zeit, anders wird er in der Stellungnahme allzu leicht unklar bleiben müssen.
Wir sind gespannt, wie es bei den Edelmann, Jacobs und Modemann weitergehen wird. Ihre Qualitäten sind unübersehbar. Die Bremer haben es sich nicht nehmen lassen, ihre beiden Landsleute wirksam zu" fördern. Und der Stadtstaat Hamburg sollte sich um den Maler Edelmann kümmern. Er verdient offizielle Anerkennung.
Werner Knoth
1960

Zurück zur gegenständlichen Malerei

Anmerkungen zu einer Hamburger Ausstellung des Malers Hanno Edelmann

Im großen Oberlichtsaal des Völkerkundemuseums eröffnete der Arzt Gustav Guhr eine Ausstellung von 65 Werken des Hamburger Malers Hanno Edelmann, der auch außerhalb Hamburgs schon erfolgreiche Ausstellungen gehabt hat. Die gezeigten Arbeiten — Ölbilder, Aquarelle und Grafik — entstammen alle den letzten 4 Jahren.

Die Eröffnung hatte nahezu den Charakter einer Kundgebung gegen die abstrakte Malerei. Hier sprach kein Kunstwissenschaftler, sondern ein Laie und Kunstliebhaber, und was er sagte, war den meisten aus dem Herzen gesprochen. Er sprach von der Kontaktlosigkeit einer Malerei wie der der Documenta II, von ihrem Mangel an Herzblut in der Entstehung, von ihrem Mangel an Aussage. Die Bilder Edelmanns sind mit dem Herzen gemalt; und sie sagen etwas aus, wenn sie schmale, leidende, einsame Menschen zeigen vor einem geradezu transzendenten Blau; Menschen, die aber gleichzeitig überstrahlt sind von einer neuen Helligkeit.

Die Farben sind sehr leuchtend und auf geheimnisvolle Weise transparent, an Glasmalerei gemahnend. Es sind Bilder, vor denen man verweilen muß, die den Beschauer gefangen nehmen und beschäftigen. Daß dies neben einigen anderen auch mit rein malerischen Mitteln geschieht, bestätigen die weniger anspruchsvollen schönen Zeichnungen von der Nordseeküste. In einigen der letzten Gemälde, werden die Farbformen kleinteiliger, der Pinselstrich bekommt etwas Flackerndes. Diese Bilder erscheinen weniger überzeugend. Vermutlich wird der Künstler aber gerade auf sie besonderen Wert legen, und wir räumen ihm ein, daß sie vielleicht Ausgangspunkt sind für etwas ganz Neues.

Hier spricht eine neue Generation (Edelmann ist 36 Jahre alt), eine Generation, die ihre Jugend in Krieg und Gefangenschaft verlor, die viel erlebte und viel auszusagen hat und der die Aussage in Form von Flecken nicht genügt

E. J.

1960

Hanno Edelmann stellt in Hamburg aus

Glutvolle und grüblerische Bilder

Hanno Edelmann, ein jüngerer, ungewöhnlich begabter Künstler (Jahrgang 1923), zeigt augenblicklich im Museum für Völkerkunde in Hamburg fast 70 Bilder, die alle in den letzten vier Jahren entstanden sind. Dieses umfangreiche Werk zeugt für den Fleiß und die Energie des Malers, der 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte und anschließend vier Jahre die Kunstschule bezog.

Auf den meisten der sehr großformatigen, intensiv leuchtenden Bildern überwiegen die Blau- und Lila-Töne. Häufig verstricken sich die Farben in einem Netz von Linien, unter dem die Umrisse der Gestalten nur noch schwach erkennbar sind. Oft wird die Landschaft aber auch mosaikartig klar zusammengefügt. Edelmanns eigenwilliger, expressionistisch-grüblerischer Stil zeigt sich wohl am deutlichsten in den Bildern einer Spanienreise, die voll Melancholie und Herbheit sind und dabei mehr von den Geheimnissen des Landes und seiner Menschen deutlich werden lassen, als manchem Fremden sonst beim Besuch Spaniens offenbar wird. Die scheinbar sorglose Heiterkeit des Südens wird bei Edelmann zu einer glutvollen Farbigkeit, die schwer und ernsthaft alles Dargestellte umfängt. Die fast starren, maskenhaften Gesichter der Menschen lassen verborgene Leidenschaften ahnen. Dabei gelingen dem Künstler, hier wie auch sonst, Porträts von erstaunlichen Ausdruckskraft, beispielsweise „Das ungleiche Paar" oder „Karl S." und das Bildnis seines Sohnes.

Auch die Zeichnungen und Lithos von Edelmann sind gekennzeichnet durch den kräftigen, ausdrucksvollen Strich, der immer das Wesentliche zu erfassen sucht.

G. H.

Weser- Kurier vom 11.1.1960

Ein später Nachfahre der Expressionisten

Zu einer Ausstellung des Hamburger Malers Hanno Edelmann im Städt. Kunsthaus Bielefeld

Nach längerer Zeit kann man von dem, was als Ausstellung im Städtischen Kunsthaus Bielefeld zu sehen ist, wieder einmal als von einem Wirklichen Ereignis sprechen. Ereignis insofern, als man mit den Gemälden, Handzeichnungen und graphischen Blättern des 37 Jahre alten hamburgischen Malers Hanno Edelmann einem Vollblutkünstler begegnet, der hierzulande bisher so gut wie völlig unbekannt war. Wir verdanken diese Begegnung dem Hamburger Sammler und künstlerischen Betreuer Edelmanns, Dr. Gustav Guhr, darüber hinaus aber vor allem dem wachen Spürsinn von Eberhard Pinder, der im übrigen für die Plazierung all der leuchtenden Farbenfülle der Edelmannschen meist großformatigen Bilder in den drei Räumen des Kunsthauses an der Wertherstraße das rechte Maß und das gute Licht gefunden hat.

Man spürt es auf den ersten Blick: Hanno Edelmann ist ein später Nachfahre der Expressionisten, bisweilen freilich auch einem Modernen wie Bernard Büffet (vor allem in seinen Porträts) verwandt, durch viele ähnliche Züge seiner Signatur aber auch einem so aussagestarken heimischen Künstler wie Peter August Böckstiegel vergleichbar. Gewiß präsentiert der vitale junge Künstler nicht ein in sich gerundetes, abgeschlossenes Oevre mit seinen Bildern, sondern hier ist alles noch weitgehend, wie er selbst sagt, „im Fluß", ist gleichsam noch auf dem Wege zur Vollendung. Dennoch ragen da einzelne Stücke heraus, die wie der geniale Wurf eines Augenblicks anmuten und die kommende Meisterschaft verraten. Dabei denken wir an die wie Samt leuchtenden Farben seiner frühen Zeit, denken etwa an die in ihrer geistigen Struktur und technischen Perfektion gleicherweise imponierenden Graphiken spanischer Landschaften.

Es ist das Blau, das Hanno Edelmann in immer neuen, oft verblüffenden Effekten variiert, Symphonien in Blau sind seine Porträts, seine Landschaften, seine Stilleben oder jene für die geistige Situation seines Künstlertums bezeichnende Gruppe der Mädchen im Raum — ein in dunkles Blau gehülltes großes Zimmer, in dem die Menschen, nur noch als Zeichen wahrnehmbar, beziehungslos nebeneinander sitzen: Eindrucksvolles Spiegelbild der gesellschaftlichen Isolierung des Menschen unserer Tage! Über allem aber leuchtet mit einer Transparenz, wie man sie sonst nur von der Glasmalerei kennt, Edelmanns Triptychon — Gipfel eines Künstlertums, das uns hoffen heißt, und das ihn allein schon deshalb aus der Masse der malenden Zeitgenossen heraushebt, weil hier allein der Mensch und die Interpretation seiner Situation das Maß aller Dinge geblieben ist. ug.

1961

Abseits der Modelinien

Neue Bilder von Hanno Edelmann in Hamburg

Schon das ist im gegenwärtigen modischen Leerlauf des Ausstellungsbetriebes ein Qualitätskriterium: diese Ausstellung fesselt, sie erregt. Der Kontakt zwischen Bild und Betrachter stellt sich unmittelbar her. Diese Bilder, man spürt es sofort und kann es dann auch dokumentieren, sind gesammelte Energie, sie haben, was modische Normalbilder trotz wildester Interpretationsversuche einfach nicht haben können: ein Kraftfeld, das sie umgibt. Ein menschliches Kraftfeld, in dem sich der weithin fehlende Prozeß zwischen Bild und Betrachter herstellt. Der Prozeß von Wirkung und Reaktion.
Allein diese Tatsache bedeutet viel: der Stromkreis zwischen Bild und Betrachter schließt sich; Bezüge, Verhältnisse ergeben sich. Die Isolation zum „Bild an sich" ist aufgehoben — das ist der entscheidende Schritt: diese neuen Bilder von Hanno Edelmann sind intensive, fühlbar ehrliche Arbeit an der Wirklichkeit, und genau damit erreichen sie dann auch zwangsläufig den vollkommen künstlerischen Bezirk der Wirksamkeit. Das hat nichts zu tun mit der entweder abwertend oder gut gemeinten Formel „Zurück zum Gegenstand" — der Gegenstand allein besagt noch gar nichts. Und das hat weiterhin nichts (jedenfalls nicht
allein) zu tun mit der rein formalen Art der Umsetzung des Gegenstandes zum Bild.
Sondern mit der Verwirklichung im Bild. Mit dem Prinzip des Engagements — Engagement im weitesten Sinne. Hier und nur hier beginnt heute Avantgarde — ganz und gar nicht dort, wo zur Zeit dieser Begriff offiziös postuliert und annektiert wird: bei der ebenso zahl-
reichen wie künstlerisch kümmerlichen ästhetizistischen Nachhut, die selbst im verbissensten formalen Experiment nur noch ganz auf der Außenhaut der künstlerischen Vorbilder variiert oder sich selbst plagiiert.
Vollkommen abseits dieser Modelinien arbeit Hanno Edelmann, der sich seit einiger Zeit von seiner zur ästhetischen Perfektion entwickelten, äußerst dekorativen Bildwelt löste und mit ungewöhnlicher künstlerischer Ernsthaftigkeit zu Bildern von komprimierter Realität und geistig beherrschter Expressivität vorstieß. Daß er dabei gleichzeitig eine ungeheure malerische Qualität erreicht, daß er die verblüffend breite und ebenso subtile Skala seiner bildnerischen Mittel niemals verselbständigt, daß sich diese menschlichen Realitäten der Bildwelts Hanno Edelmanns in seinen künstlerischen Mitteln im Bild verwirklichen — das macht Edelmann ganz ohne Zweifel zu einem der wirklich wichtigen deutschen Maler der Gegenwart. Und zwar — man muß die Prophetie hier wagen — zu einem der kommenden Maler (Edelmann ist jetzt genau 38 Jahre alt). Was die Arbeit Edelmanns charakterisiert, ist zweierlei:
Die ständige Neuorientierung seiner künstlerischen Mittel, vom Thema, von der Sache ausgehend. Er zwängt also nicht den lediglich zum Vorwand genommenen Gegenstand in modische Schablonen, er tut das Gegenteil: er manifestiert seine Inhalte (er hat sie!) im Bild, dieser Prozeß provoziert die künstlerischen Mittel. Es gibt in seinen neuen Bildern, in den besten jedenfalls, keinerlei isolierte formale Eitelkeiten und Zutaten, schon gar keine Tricks und Mätzchen.
Und zweitens: Edelmann arbeitet am Menschenbild. Das unterscheidet ihn von der willkürlichen, geistig sinnlosen und nur formal begründeten Deformation (die längst zu gängigen Klischees und ausführbaren Rezepten führte) ebenso wie von einem gewaltsamen, veräußerlichten „Wiederinstandsetzen" des zerborstenen Menschenbildes. Er arbeitet ehrlich und schwer daran — beklemmende Figuren gelingen ihm: die schmerzliche Präzision der „Frau und Blumenvase"; die knochige, karstige Körperlichkeit des „Sitzenden Mädchens", die gestreckten Halbfiguren seiner Frauen, in denen er
die verdrängten Bedrohungen, die überspielten Zerstörungen, die verpuppten Einsamkeiten sichtbar gemacht hat. Edelmanns Abstraktion bedeutet Durchstoßen zu geistigen Wirklichkeiten, und dann: Konzentration statt Auflösung. Genau dieser Prozeß ist fast nachzuvollziehen in einigen Porträts (etwa dem Porträt Dr. G.), bei denen die atemberaubende Präzision des Bildbaues, der Verzahnung von Figur und Kopf mit dem Bildgrund ganz von innen her entwickelt ist und über die Verschmelzung mit dem (in sich erhaltenen) Individuellen zum stellvertretenden Bild wird.
Eine Gefahr könnte es geben für diesen Maler: daß er irgendwann, wenn sein humanes Engagement sieh nicht fortschreitend festigt und präzisiert, in einen (wie bei Buffet) lediglich dekorativen Miserabilismus abrutscht.
Auf jeden Fall ist diese Ausstellung (Hamburg, Völkerkundemuseum) eine der wichtigsten und bemerkenswertesten des Jahres, alt

Peter Altmann, Hamburg 1961

EIN MALER IM AUFBRUCH

Hanno Edelmann (Hamburg) breitete sein Schaffen aus

Bielefeld. Es bedarf nur eines Blickes für den Besucher der Ausstellung von Ölgemälden, Zeichnungen, Aquarellen, Graphik und Plastik des Hamburger Malers Hanno Edelmann, um zu erkennen: Hier stellt ein echter Maler aus. Das Unmittelbare, nicht durch Überlegung Verfälschte, das Wahre und Ehrliche ursprünglicher Malerei fällt selbst bei flüchtigem Betrachten ins Auge.

Dabei bekommt man — auch das Ausstellen von Bildern ist eine Kunst — zunächst nur Arbeiten zu sehen, die zwar unverkennbar Merkmale großen technischen Könnens und feinsten Ertastens des Sujets in sich tragen, aber doch zu einer Periode gehören, die der Künstler bereits hinter sich ließ. Man traut den Daten nicht, wenn man liest, daß 1958/59 die klassisch-schönen . expressionistischen Gemälde des ersten Ausstellungsraumes gemalt wurden, während die übrigen Werke jüngeren Datums sein sollen. Aus der königlichen Ruhe sicheren Gestaltens brach der Maler auf und begab sich auf die Suche nach Neuem.

Begegnet man zuerst Werken, die jede Galerie bereitwilligst zeigen würde, weil sie Niveau und Eigenheit haben, so trifft man in den übrigen Räumen des Kunsthauses Arbeiten eines suchenden Malergenies an. Das weckt Verwunderung, denn der Maler der früheren Periode ist schon ein ganz Großer. Man braucht nur einmal das Porträt eines alten Mannes (Nr. 22) zu betrachten. Sparsamer als dieser alte Herr in feinstem Eintasten hingestellt wurde, kann ein Maler kaum gestalten. Wer das Bild zutiefst erfassen will, bewundere nicht die Vereinfachung des Äußeren, er mustere die müden Augen. Sie allein halten noch den Funken des Lebens und klagen sein Verlöschen aus. In allen übrigen Gliedern ist dieser prachtvoll getroffene, um das Ende wissende Mensch schon tot. Diese, ähnliche und überraschend andere Fixierungen genau beobachteten Lebens gelingen dem Künstler oft.

Das Schwergewicht der Ausstellung liegt allerdings bei den Werken des Aufbruchs. In Farben und Formen dokumentiert sich das unruhige Weitersuchen des Malers, dem das bereits Gefundene nicht genügt. Hier erlebt man das Philosophieren, das Tasten des Ahnenden mit, der um sein Ziel noch nicht klar weiß. Er sucht hier, versucht da, er formt so, malt anders, ahnt zwar, was er will und weiß doch nicht, wie er es zu gestalten hätte. Dabei ist jeder Versuch unzweifelhaft ein Kunstwerk. Man sieht von dem gewöhnlich im expressionistischen Stil malenden Künstler zarteste Impressionen (Nr. 76 „Die Pöseldorferinnen") und angeblich abstrakte, tatsächlich aber gegenstandslose Malereien („Blühender Garten").

Es ist ein Etwas, das sich kaum aufzeigen läßt und doch da ist, ein Etwas, das hinter den Malereien der früheren Periode und den letzten Bildern steht, das die völlig gegensätzlichen Arbeiten als von Edelmann stammend ausweist. Was der Künstler dabei thematisch, technisch, formal und farblich bringt, ist erstaunlich. Sein Schaffen ist immer anders, stets neu und doch erkennt man Hanno Edelmann, wie sehr auch die Handschrift wechselt, an der Persönlichkeit, die hinter jedem Blatt und jedem Gemälde steht.

Die ruhigen, ausgewogenen und bis ins letzte Detail mit überlegener Technik und klarer Empfindung gemalten Bilder der früheren Epoche lassen die Größe des Hamburger Malers bereits erkennen. Was er aber noch zu werden verspricht, davon geben die übrigen Stücke der Ausstellung eine überraschende Vorschau.

-bl-

1961

Im Mittelpunkt: Der Mensch

Der Maler Hanno Edelmann stellt in Bielefeld aus

Erfolge bestätigen nicht nur die künstlerische Leistung, sie geben stets auch den Anstoß, selbstkritisch Bilanz zu ziehen. Es gehört dazu, die eigene Position wortwörtlich in Frage zu stellen, um so den weiteren Weg abzustecken. Einer der Künstler, die hieran allen Ernst energisch wenden, ist Hanno Edelmann, der sein eigenwilliges und kraftvolles Talent (an der Spitze der Begabungen in der Generation jüngerer Hamburger Maler) mit rühmenswerter Stetigkeit behauptet. Dies geschieht unbeirrt von der betriebsamen „Moderne" und ist doch von einer erregenden schöpferischen Modernität.

Erstaunlich, wie sehr das Werk des jetzt 37jährigen Künstlers in der mannigfaltigen Fülle gewachsen, in Stil und Ausdruck verdichtet und gereift ist, seit es vor gut einem Jahr in Hamburg ausgestellt war. Dies beweist die umfangreiche Sammlung von Ölbildern und Graphiken Edelmanns, die das Städtische Kunsthaus Bielefeld gegenwärtig zeigt. Hier dokumentiert sich ein Maler, der das „Drama Mensch" kühn, packend und tiefgründig gestaltet, ohne abstrakte Formelhaftigkeit und symbolische Überfracht. Und man erlebt zugleich einen Maler, dessen Palette nicht — wie heute so häufig — verkümmert, dessen ausgeprägter Sinn für Farbe und Farbkomposition vielmehr zu faszinierenden farbigen Akkorden oder Dissonanzen findet.

pth.

Hamburger Abendblatt vom 17.2.1961

Bilder von drängender Fabulierkraft

Zu der Ausstellung des Malers Hanno Edelmann im Städtischen Kunsthaus

Der 37jährige Hamburger Maler Hanno Edelmann hat nicht nur das Glück, in einer Stadt zu wirken, die mit dem Pfunde von Alfred Lichtwarck selig wuchert und den hanseatischen Kaufmannsgeist nicht unbedingt mit dem Odium des Amusischen zu belasten sucht. Er fand auch in dem bekannten Sammler Dr. Gustav Guhr einen Mäzen, der von der Fülle und Vielfalt der Bildideen, die sein Schützling auf der Leinwand und dem Papier verwirklicht, fraglos genauso gepackt war wie die Besucher der Ausstellung im Städtischen Kunsthaus, wo nun eine Auswahl des Werkes von Edelmann betrachtet werden kann. Fürwahr ein Maler, ein richtiger, mit Pinsel und Palette fabulierender und polemisierender Gestalter menschlicher Problematik, der auch den elementaren Reiz und Rausch einer Peintüre von nahezu fauvistischem Farbtemperament nicht scheut. Der mit dem Spachtel da-zwischenfährt, wenn ihm der dekorative Effekt zu pomadig erscheint, und der auf die polyphone Orchestrierung aller malerischen Mittel ebenso großen Wert legt wie auf die Durcharbeitung sämtlicher Details und ihre gewichtsmäßige Verteilung in der bildlichen Gesamtkonzeption.

Bei Hanno Edelmann sucht man vergebens nach der ..Masche", die heutzutage in Kunstausstellungen präsentiert wird wie weiland der Kapotthut der Frau Kommerzienrätin. Und da alles schon einmal dagewesen ist und es auf gar keinen Fall etwas schadet, wenn aufstrebende Künstler sich einmal mit den malerischen und inhaltlichen Problemen aus fremder Sicht heraus auseinandersetzen, so entdeckt man in einigen Billern Edelmanns Anklänge an den Stil einer so umstrittenen Pariser Berühmtheit wie Bernard Buffet (.Mädchen ' im Raum") oder Bezüge zu dem Porträtisten Modigliani.

Darin mag der Spätheimkehrer Edelmann nun das Erlebnis der russischen Gefangenschaft abreagiert haben und die Erkenntnis manifestieren, daß sich das wahre Gesicht des Menschen erst in der existenziellen Grenzsituation offenbart. Jedenfalls ist Hanno Edelmann diesen psychologischen Komplex nie ganz losgeworden. Denn in vielen Bildnissen und Gruppen scheint er die Armut des Menschen nicht nur von der „Powerteh", sondern auch vom Charakter her zu begreifen. Er malt zuweilen ausgezehrte, ja häßliche Mänadengestalten.mit knochigen Gliedern und langen Hälsen, auf denen statt Gesichter maskenhafte, verschwommene Physiognomien thronen, die nicht selten vom Hintergrund bis auf wenige symbolische Andeutungen aufgesogen werden. Und manchmal genügt ihm das poröse Gerüst breiter Konturbänder auf der monochromen Folie kühler.Blautöne, um auf eine lapidare Weise der Individualität eines Frauenporträts auf die Spur zu kommen.

Hanno Edelmann hat, wenn man so will, die individuellen Züge des Menschen und damit das Menschliche überhaupt kollektiviert und dem Zwang des Apokalyptischen unterworfen. In einem Bild der frühen Jahre („Schwestern") wirkt die Typik noch kühl und bei aller Aufgeschlossenheit dem Leben gegenüber distanziert. Aber dieser in klassizistischer Haltung verharrende und nur leise von seelischen Hintergründigkeiten umspielte Ausdruck nimmt der Maler dann mitten hinein in die stürmisch drängende Lebendigkeit seiner pastosen, von harten, nervösen Bewegungsakzenten durchzuckten Farbkompositionen, in denen Ocker, Zitronengelb, Orange, Violett, Türkis, Flaschengrün und Scharlachrot einander steigern zu der lodernden Unruhe spannungsvoll mit- und gegenein-anderlaufender Konfigurationen, die schließlich in dem Hauptwerk der Ausstellung, einem Triptychon mit den Tafeln „Verkündigung", „Geburt" und „Kreuzigung", das Gegenständliche im Sinne eines modern empfundenen Manierismus ausprägen und auf das mythologische Gleichnis reduzieren.

Die koloristisch gesättigten und von expressionistischen Ordnungsprinzipien durchwirkten exotischen Landschaften und Bildnisse aus Spanien, die warm durchblutete Farbigkeit der Luganothemen, die ruhig schimmernde Fülle einiger Stilleben und Blumenstücke, der sensible und zugleich packende Duktus der graphischen Linie in den Tessin-Lithos und einige Kleinplastiken sind die weiteren Blickpunkte einer Ausstellung, die durch die Mannigfaltigkeit der Eindrücke sowie ihr malerisches und persönlichkeitsausstrahlendes Fluidum die Beachtung aller Kunstfreunde verdient.

gr.

1961

Farbe als Mittel des Bildaufbaus

Hanno Edelmann stellt in der Böttcherstraße Bremen aus

Der Mensch dominiert in der eigenwilligen klaren Bildwelt des Hamburger Malers Hanno Edelmann, der bis zum 26. Mai in der Kunstschau in der Böttcherstraße ausstellt. Stilisierte Gestalten sind es, die starr, doch niemals posierend, mit leerem Gesichtsausdruck das „Geworfensein" des Menschen dokumentieren. Sie stehen vor dem Nichts, sie haben keine Individualität mehr, sie existieren, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. .Nicht das So-Sein, das Da-Sein ist wichtig", wie der Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre einmal formulierte.

Mit Vorliebe variiert der 40jährige Künstler in seinen oft herb-melancholischen Öl- und Tempera-Arbeiten das Thema .Musikanten". Nebenbei: Interessant wäre es, zu wissen, ob der kleine „Trommler", der gleich auf zwei Bildern erscheint, von Günter Grass' Blechtrommler und Glaszersinger Oskar Matzerath" inspiriert wurde. Einzig in dem fast gesellschaftskritisch zu nennenden Ölbild „Der Handstand" weicht Edelmann von seiner Buffet-Manier ab. Das soll nun aber nicht heißen, daß seine Malerei festgefahren oder gar epigonenhaft ist (obwohl die Gefahr des Manierismus besteht).

Wie wandlungsfähig Edelmann ist — ohne dabei je seinen „Stil" zu verleugnen — , wird in seinen verschiedenen „Stilleben" und dem Temperabild „Artisten" deutlich, das einen unverkennbaren Hang zum Abstrakten zeigt. Sehr schön ist hier der rhythmische Zusammenklang der Farben, bei dem sich — kubisch ineinander verschachtelt — erst allmählich der Gegenstand herauskristallisiert. Überhaupt ist der Reiz dieser Arbeiten primär von der Farbe bestimmt, wobei Edelmann einen erstaunlich subtilen Farbensinn beweist. Sie ist hier keine dekorative Flächenfarbe, auch keine differenzierte Modulation, sondern ein adäquates Mittel des Bildaufbaus.

Daß Edelmann jedoch auch ohne die Farbe als dekoratives Element auskommt, beweisen seine im graphischen Lineament bemerkenswerten Federzeichnungen und Lithografien, von denen besonders das Farblitho „Libellen-Larven" künstlerisch hoch zu werten ist.

Norddeutsche Volkszeitung vom 9.5.1963

Eine Begegnung mit Hanno Edelmann, 40, lohnt sich. Der Hamburger Maler stellt gegenwärtig in der Kunstschau der Böttcherstraße aus. Seine Bilder sind gegenständlich, aber er kommt dem Wesen der Abstraktion insofern nahe, als alle seine Menschen Typen sind, noch mehr: sie sind bewußt uniform. Spiegelung unserer Welt. Das malerische Mittel für diesen Stil: die Gesichter werden farblich und grafisch zurückgenommen in die Fläche, sind völlig ein Teil von ihr. Dabei klingt unvermeidlich Skurriles an. Das Bild „Der Trommler" läßt an die „Blechtrommel" von Grass denken, wie überhaupt literarische, erzählerische' Momente für die Kunst Edelmanns wesentlich sind. Auch ins Kabarettistische stößt der Maler vor. Wir nennen noch: „Herrentreffen", „Der Handstand", „Der Herr und der Hahn", „Kleines Konzert".

E. T.

Bremer Bürgerzeitung vom 4.5.1963

Fließende Farben in starren Formen

Der Hamburger Maler Hanno Edelmann stellt in der Böttcherstraße aus

Mit skurrilen Themen, die dem phantasievollen Künstler weite Ausflüge in das Reich der Farbe ermöglichen, beschäftigt sich der 40jährige Hamburger Maler Hanno Edelmann. In den Ausstellungsräumen am Brunnenhof der Böttcherstraße sind bis zum 8. Juni neben Öl- und Temperabildern grafische Arbeiten aus seinem Atelier zu sehen.

Besonders intensiv gestaltet Edelmann die Hintergründe. Handelt es sich um Ölgemälde, so belebt er den Farbraum für seine Motive mit reizvollen, willkürlich wirkenden Verformungen des Materials. In den Temperabildern gewinnt der Hintergrund durch Lichteinbrüche Leben, die für immer neue Abwandlungen der Farbe sorgen.

Aus dieser stimmungsvollen Umgebung müßten sich die Umrisse der Gestalten seltsam starr abheben, würden sie nicht ebenso wechselreiche Farbfelder umschließen. In einem Bild wie „Der Trommler" scheinen die Abgrenzungen der Personen und Gegenstände sogar nur ,als gewollte Unterbrechungen im rhythmischen Fließen der Farbe gedacht. Der Beschauer spürt, daß figurative Starrheit notwendig ist, und freundet sich daher sehr rasch mit den eigenwilligen Formen an, um so mehr als Werke wie „Der Doppelgänger" und „Altes Paar" dank diesem Verfahren zu bezwingenden Charakterbildern der dargestellten Personen werden.

Zu den wertvollsten Arbeiten gehört „Stilleben" (Tempera). Die verschwimmenden Umrisse der Gegenstände werden über eine rechteckige Fläche hinweg in horizontaler Richtung rhythmisch gerafft und auf braungoldenen Untergrund „geschrieben". Das Ziel der Harmonie kann auch auf anderem Wege erreicht werden. In einem Bild wie „Frau" ist sie das Ergebnis sinnvoller Gegenüberstellung streng abgeteilter Flächen.

Bei Edelmann besteht die Gefahr, daß er sich nach eingehender Beschäftigung mit bestimmten stilistischen Richtungen auf die Eigenarten anderer Maler einspielt. Das reizvolle kleine Bild „Dächer" drängt Vergleiche mit dem Verfahren von Nicolas de Stael auf, „Der Handstand" erinnert allzusehr an den gesellschaftskritischen Beckmann.

Bemerkenswert sind die Grafiken, aus einer reichhaltigen, nur nicht immer überzeugenden Kollektion ausgewählt. In dem Farblitho „Libellenlarven", einigen Federzeichnungen sowie den Lithos „Liliputanerzirkus" und „Freundinnen" zeigt Edelmann, daß er mit den weit weniger aufwendigen Mitteln der Grafik die dem Thema angemessene Stimmung heraufzubeschwören versteht. -elha-

Weser Kurier vom 30.4.1963

Kritik an der Wirklichkeit

Hanno Edelmann stellt in der Böttcherstraße aus

- Immer wieder wird spekulativ von einer Rückkehr zur figurativen Malerei gesprochen, nicht selten mit dem Hintergedanken, daß die Falschmünzerei der Gegenstandslosen kaum auf die Dauer das Feld behaupten könne, häufiger noch in der uneingestandenen Einsicht in die eigene Ohnmacht, die Kultur der künstlerischen Mittel zu begreifen, die die Voraussetzung für alle Arbeit im Bereich des Non-Figurativen ist. Vor Jahren wurde wegen seines Programms Bernard Buffet in Paris wie eine Offenbarung begrüßt. Seine ersten Arbeiten hatten Eigengesicht und bezeugten eine bedeutende Präzision und manchmal Virtuosität in der Handhabung der malerischen Grammatik. Aber die Intensität hielt nicht an, das figurative Programm vermochte die schwächer werdende Malerei nicht zu retten, der Ruf verblaßte, die hochgetriebenen Preise sanken, jeder bessere Salon der Haute Couture hatte zwar seinen Buffet — und mußte nun gefaßt den Verlust tragen.

Damit war zwar für die Gegenstandslosen keine Schlacht gewonnen: die Schlachten gewinnt man nicht mit dem Programm, nur mit der Malerei. Aber erwiesen war: auch der Gegenstand ist nicht die Sache selbst, nur ihre Vermittlung. Die Niederlage Buffets mag den Hamburger Hanno Edelmann gewarnt haben, der zur Zeit in der Böttcherstraße eine größere Reihe neuerer Bilder zeigt, die entschieden figurativ orientiert sind und in einigen Arbeiten darauf hinweisen, daß sich der Hamburger Künstler mit Buffet auseinandergesetzt hat. Ähnlich wie Buffet in dessen starker Frühperiode treibt es Edelmann zur Kritik der Realität. Wo er dabei an gedämpfte Töne — dunkles Grau, Schwarz, Braun, durch vielfältige Valeurs vermittelt — sich hält, gelingen ihm Arbeiten, in denen sich grafische Aggressivität, barock-expressive Verzerrung in der Figurenzeichnung mit der räumlichen Disposition und einem fast ausgewogenen Relief zu einem kompositorisch beherrschten Ganzen verbinden, das wenigstens auf dem Wege zur Erarbeitung eines Bildbegriffs höherer Art ist.

Zur Gruppe dieser positiv zu wertenden Arbeiten gehören Bilder wie „Der Handstand" und „Der Trommler" vor allem, wobei es scheint, als habe sich Edelmann bei dem „Trommler" von einer literarischen Vorlage anregen lassen, ohne dabei im geringsten illustrativ zu werden: er erreicht vielmehr eine so absichtslose Schärfe der Realität — ohne das kleinste Zugeständnis an den Naturalismus —, daß man unwillkürlich an die bedeutenden Leistungen der spanischen Malerei denkt. Auch andere Arbeiten des Künstlers, die in die gleiche Richtung zielen, haben diese Verbindung von Beherrschung der Mittel mit dem Pathos der gezielten Realität, die ebenso kühl und analytisch bleibt wie Goya in seinen „Caprichos".

Das gilt für „Der Herr und der Hahn", „Frau" und einige grafische Arbeiten. Dagegen wird in Arbeiten wie „Herrentreffen" und „Das kleine Konzert" weder eine ausreichende Beherrschung der Mittel erreicht noch die gleiche Intensität der realistischen Thematik. Eine dritte Gruppe von Arbeiten, wie „Der kleine Bahnhof" etwa, bezeugt eine reichere farbige Phantasie bei gleichzeitigem Realitätsverlust: es scheint, daß Edelmann, der nach langer Kriegsgefangenschaft spät begann, noch unentschieden ist.

Ich halte den begabten Künstler, dessen bisher gezeigte Arbeiten neben einer soliden malerischen Grammatik auch Charakter bezeugen, für fähig, nach Vollzug einer Entscheidung einen bemerkenswerten Beitrag zur Malerei zu leisten, und ich sehe diesen Beitrag nach den bisher vorgelegten Proben vor allem in der leidenschaftlichen Untersuchung der Realität — in all ihren vielfältigen, bisher noch unausgeschöpften Richtungen. -

Herbert Albrecht

Bremer Nachrichten vom 4.5.1963

Hanno Edelmann

Ein Knabe rührt die Trommel, das Brautpaar verhält im Schritt und wendet sich zurück. Ein priesterlicher Mann erhebt weisend die Hände. Starr steht der Begleiter des Trommelknaben. Alttestamentarisch wirkt die Szene, beladen mit Symbolik, Tiefsinn, Hintersinn. Nichts wird dem Betrachter aufgehalst. Tod oder Leben, Krieg oder Friede, Haß oder Liebe, bleibt seine Sache.

Schon deshalb fasziniert das Bild. Wir sind es gewohnt, figürliche Malerei zusammenbrechen zu sehen, sobald sie ideelle Absichten darbringen will. Die Werke moderner Malerei, in denen überzeugend gelehrt oder gepredigt wird, sind an den Fingern herzuzählen. Zwischen christlicher oder sozialistischer Propagandaillustration oder abstrakt und surreal verschlüsselter Offenbarung schien kein glaubhaftes Sinnbild mehr möglich.

Edelmann schafft es durch die künstlerische Form. Diese Gestalten haben das Ungegenständliche im Rücken; bei den schönsten malerischen Stellen, wie dem Kleid der Braut, löst sich das Wahrnehmbare gerade erst aus dem Undefinierten. Flach und dürftig, in der Pose so bescheiden wie in den Mitteln sparsam treten sie wieder auf eine (wie schmale) Bühne. Diese armseligen Hände und Füße scheinen aus Resten zusammengespachtelt; weiter reicht es noch nicht als bis zur groben Andeutung. Die Fülle der Welt, die Reize der Oberflächen sind weit. Edelmann überläßt sie bereitwillig den malerischen Illusionisten, wie er die bloße, die reine Form den Abstrakten zurückläßt. Aber was er wieder zusammenbringt, für glaubhaft oder tatsächlich hält, ist sein eigen und ist neu.

Täuschen wir uns nicht, so wohnen wir in solchen Bildern der Entstehung einer neuen Kunst der Menschendarstellung bei. Sie beginnt erneut beim Nullpunkt und bedient sich der Mathematik, der freien Form als zeitgemäßen Mitteln.

Ihre Unabhängigkeit, ihre barbarische Einfachheit macht ihre Überzeugungskraft aus. Nun darf der kleine Trommler wieder seinen Wirbel schlagen, bei dem jeder an den Musensohn des Günther Grass denkt, der aber weiter zurückreicht in der Bildkunst, über den trommelnden Jüngling in Hofers „Schwarzen Zimmern", über Kubin bis zu den unbedarften Trommelbuben altmeisterlicher Graphik, dem Kling-Klang-Gloria der Landsknechtszüge. Jetzt darf das Brautpaar beklommen verharren unter der Ahnung kommenden Unheils, und der Priester mag Schweigen gebieten,_ auf daß man hört, daß immer noch getrommelt wird, sogar von Kindern. Ja, es darf wieder erzählt, gepredigt und gelehrt werden in Bildern, Tiefsinn darf wieder klare Bedeutung und ein Symbol wieder eine Absicht haben. Edelmann gehört zu dem Dutzend noch wenig bekannter jüngerer Künstler, in deren Arbeit das Zeitalter der Abstraktion auch inhaltlich zu Ende geht.

Der Künstler ist 1923 in Hamburg geboren. Sieben der besten Jahre, von 1941 bis 1948, war er Soldat und Kriegsgefangener. Bis 1953 lernte er dann auf der Landeskunsthochschule in Hamburg bei Wilhelm Grimm Malerei und Graphik. In Norddeutschland wurde er öfters, auch im offiziellen Rahmen, ausgestellt und angekauft. Der größere Erfolg blieb bisher, wie für die meisten gegenständlichen Neuerer, aus. Die Offiziellen und das Publikum müssen sich erst umstellen.

RICHARD HIEPE

Konkret , Januar 1964

Konfrontation der Unbequemen

Zwei bedeutende Ausstellungen in Hamburg: Otto Dix und Hanno Edelmann

Geht man von Otto Dix zu Hanno Edelmann, wird man trotz aller farblichen und formalen Unterschiede in der Malerei der beiden Künstler das gleiche humanistische Engagement entdecken. Edelmann freilich hat etwas, das Dix fehlt: Das Spökenkiekerische des geborenen Wasserkantenmenschen, wie es einst auch Barlach in seinen Dramen und Zeichnungen ausweist, auch dort, wo er religiöse Elemente ansprach. Diese freilich fehlen bei Edelmann gänzlich.

Der einstige Grimm-Schüler an der Hamburgischen Landeskunstschule hat sich, wie man nun sieht, freigemacht und ist — auch das ist nicht zu übersehen — unter den von ihm in den Kriegsjahren in Rußland empfangenen Eindrücken zur Darstellung des sich selbst überlassenen oder des zur Tischgesellschaft zusammenrückenden Menschen gekommen. Die Titel seiner Bilder sprechen die Themen Edelmanns ohne Umschweife aus: Bettlerin, Puppe, Rabbi, Leichenschmaus, Bettlerhochzeit, Kartenspieler, Loge. Im „Flaschenmännchen" hockt ein junger feister Mensch auf einem Stuhl, unter dem die Schnapsflasche steht. In allen diesen Bildern regiert lastendes Helldunkel, aber es ist nicht der Goldockerton Rembrandts, sondern ein oszillierendes, oft perlmuttschimmerndes Licht einer Maltechnik, die das Mittel der Lasur nicht braucht, um surreal-expressionistische Steigerung zu erzielen.

Die Preise selbst der großen Leinwände sind bescheiden. Sammler sollten diese Gelegenheit nicht auslassen, sich das eine oder andere meisterliche Bild zu sichern, denn es kann nicht länger mehr übersehen werden, daß hier ein bedeutendes Talent in der Stille typisch hamburgischer Resonanzlosigkeit herangereift ist und seinen Anspruch auf Beachtung und Förderung nachgewiesen hat. Werner Knoth

1966

Vorurteilslos und unsentimental

Ausstellung Hanno Edelmann in Michael Osterweiis Neuem Kunst-Zentrum

Neue Bilder und Grafik von Hanno Edelmann zeigt Michael Osterweil im Neuen Kunst-Zentrum am Valentinskamp 46 a. Paul Theodor Hoffmann, der mit dem Schaffen des Künstlers von seinen Anfängen bis heute besonders vertraut ist, eröffnete gestern abend die ungewöhnlich eindrucksvolle Ausstellung.
Edelmann gehört heute zu den besten Vertretern des „neuen Realismus", seine Bilder waren auch außerhalb Hamburgs häufig zu sehen, wenn die junge gegenständliche Kunst zur Diskussion gestellt wurde. In seinen neuen Bildern hat er an dem Thema, das ihn von Anfang an beschäftigte, festgehalten: Der Mensch in der Vereinzelung und in der Gemeinschaft.
Auf der einen Seite die „Trinkerin", ein Synonym für Einsamkeit, oder das furios gemalte „Flaschenmännchen" oder der Kopf eines „Rabbi" — auf der anderen Seite „Bettlerhochzeit" und „Kartenspieler", der „Stammtisch".
Aber die Bilder der letzten Jahre, die Gestalten und das, was sie exemplarisch zum Ausdruck bringen, sind sehr viel klarer, härter und überzeugender formuliert, auch farbig viel differenzierter als in der vorangegangenen „blauen Periode", die zugleich mit der Vorliebe für Blau durch eine elegische Gefühlsnote bestimmt war.Edelmann verfügt jetzt über herzhaft kräftige, auch humoristische Töne, speziell bei den Radierungen und den hervorragenden kontrastreichen Holzschnitten wie „Trommler" und „ Streit um Harlekin". Die bemerkenswerte stilistische Wandlung und Verfestigung läßt darauf schließen, daß Hanno Edelmanns Verhältnis zur Realität sich entsprechend geändert hat, daß er ihr vorurteilslos, unsentimental, ohne moralische oder ideologische Scheuklappen gegenübersteht. — Das Neue Kunst-Zentrum, das in den Kellerräumen außerdem eine exquisite Kollektion zeitgenössischer Grafik bietet, ist montags bis freitags von 10.00 bis 18.00 Uhr, sonnabends 10.00 bis 13.00 Uhr geöffnet. _

Gottfried Sello

Hamburger Abendblatt 1966

Der Hamburger Hanno Edelmann

Ausstellung von Gemälden und Graphiken

Im Neuen Kunst Zentrum Valentinskamp 46 stellt der 43jährige Hamburger Hanno Edelmann Gemälde und Graphiken aus. Er gehört zu jenen gestalterischen Menschen die zu den Wurzeln der menschlichen Existenz hindurchloten, um das Brüchige, Fragwürdige, Schemhafte, von Schmerzen bedrohte, Weltverlorene und das falsche Selbstverständnis bildnerisch zu fassen. Wollte etwa einer leugnen, daß die oft so schrecklich anmutenden Gebärden der modernen Kunst das notwendige dialektische Gegengewicht zur irreligiösen Bindungslosigkeit, zur materialistischen Ramschsucht, zur oberflächlichen Aufgeblasenheit und den falschen Werten unserer Tage sind? Deshalb malt Edelmann das „wahre Gesicht von unterhalb", nimmt Clowns, Bettler, Kartenspieler und Liliputaner zur Darstellung seines menetekelhaften Lebensgefühls. Es sind keine unmodernen, sondern zeitlose Leitbilder.
Die enorme Aktivität dieser Malerei rührt daher, daß sie an der Wurzel angreift. Dabei gehorcht die Technik dem Künstler geschmeidig und virtuos. Rippenhaft-verwitternde Schraffuren netzhaft sich verfangende Lineaturen und Disproportionen gehören zum spätexpressionistischen Stilkreis. Die Farben sind immer intensiv, besonders im Karmin, Braunrot oder Blaugrün.
Die Graphiken sind ein Kompendium aller möglichen Griffelführungen, teils rasterartig, teils sensibel ins Einzelne gehend, teils das Dekorative betonend oder fleckig tachistisch, immer aber höchst hintergründig. Die Tektonik stellt das Objekt frontal in die Mitte, in einer gewollten Starre der Typen, aber mit sprechenden Augen und aufgerissenen Mündern. Wenn man natürlich nur das äußerlich Formale an der Kunst sieht, ohne das Werk geistesgeschichtlich zu erkennen, geht man an der Wahrheit vorbei.
Hanno Edelmann gehört auch in seinen neuen Schöpfungen zu den sehr bemerkenswerten Künstlern Hamburgs.
Will Hofmann
1966

Hanno Edelmann

Auf die Frage, welche Zensur er in Kunsterziehung in der Schule hatte, antwortet Hanno Edelmann bedächtig: „Daran kann ich mich nicht mehr so erinnern. Aber ich glaube ich hatte eine Vier.' Der Lehrer konnte seinem, elfjährigen Schüler gegenüber nicht eingestehen, daß der Kleine besser malte und kunstverständiger war als er. "Heute gehört Hanno Edelmann zu den talentiertesten Malern Hamburgs und gilt als einer der besten Vertreter des "neuen Realismus". Obwohl der Sprößling einer Musikerfamilie eigentlich Geiger werden wollte. Noch heute spielt der Künstler Klavier, Geige und Konzertflöte.

In einem Haus in Rahlstedt, umgeben von einem großen Garten, lebt der 43jährige mit seiner Familie. Und alle malen. Seine liebenswerte Frau arbeitet als anerkannte Graphikerin. Die neun und zwölf Jahre alten Söhne produzieren Radierungen und Linolschnitte, Der Vater hat das Ergebnis seines Schaffens in den letzten Jahren zu einer Ausstellung in der Galerie Osterweil am Valentinskamp zusammengetragen., Es sind Ölgemälde und Graphiken.
Das Thema seiner Werke: Der einsame Mensch und der Mensch in der Gemeinschaft. Wie die „Trinkerin", die "Bettlerin", der „Rabbi" oder die „Bettlerhochzeit", die „Familie". Es sind Bilder, die uns ansprechen und die wir begreifen.
Das Besondere: Übergroße Hände, die Halt suchen, manchmal nur an Stoffalte und große nackte Füße, deren Zehen sich wie Schildkrötenbeine fest in den Boden krallen, weil sie die Erde unter den Füßen wiedergefunden haben. Symbolhaft verdeutlicht Edelmann» das Bedürfnis nach Halt in dieser ziellosen Zeit. Das gelingt ihm, weil er kein sentimentaler Show-man ist, sondern ein überzeugender. Maler. Der Hamburger arbeitet sehr ernsthaft. Er erzählt von einem prominenten Bürger der Hansestadt, den er porträtierte.. „In vielen Sitzungen hatte, er mir gegenüber gesessen. Da merkte ich, daß es mir nicht gelang seine linke Hand zu malen. Ich erzählte ihm, dass ich sie nicht fassen konnte. Da antwortete er: „Für mich ist sie auch wie ein gefühlloser Fleischklumpen."

Liesel Rostock

Hamburger Abendblatt 1966

In Hamburg gesehen

IM NEUEN KUNSTZENTRUM HAMBURG, der von dem englischen Maler Michael Osterweil geleiteten Galerie, findet bis zum 10. Januar eine Ausstellung von Gemälden und Grafiken des 1923 geborenen Hamburger Künstlers Hanno Edelmann statt.
In den Grafiken entfaltet sich, gelegentlich ein skurriles Formenspiel, feinnervige und sensibel in den Lineaturen ; ganz von fern manchmal mit Horst Janssen sich berührend: in den Holzschnitten wirkt die Formulierungskunst allerdings bedeutend plumper:
Mittelpunkt der Schau sind die Gemälde. Sie sind — ebenso wie die grafischen Blätter — bevölkert von groß-figurigen Gestalten, von Bettlern, Priestern, Kartenspielern . . . Edelmann sucht meist, wie mir scheint, negative Figuren zu schildern: Außenseiter, Einzelgänger, eine „Trinkerin", ein „Flaschenmännchen" ... Anklänge an Beckmann waren in den Werken früherer Jahre zu spüren, jetzt scheinen Buffet und Bacon hineinzuspielen, ohne daß sich allerdings direkte Abhängigkeit nachweisen ließe.
Edelmanns Formensprache ist ohne Zweifel original: Große, wuchtige Gestalten füllen die Bildfläche, Verschränkung und komplizierte Kompositions prinzipien sind vermieden. Der Ausdruck ist eher schlicht und direkt, ohne Umwege, lapidar wie etwa bei dem Belgier Permeke.
Dazu passen die erdhaften Farben, die gebrochenen, stumpfen Töne, der zusammenfassende Umriß. Damit kontrastiert sind die hellfarbigen Hintergründe, in denen, fein gespachtelt, die Fläche geradezu kristallin aufgefächert und in feinste Partikel gebrochen ist.
Fassen wir zusammen: Edelmanns Werke zeigen große handwerkliche Qualität sowie eine konsequent stilisierte Themenwelt. Dennoch: Formal sind die Bilder langweilig, brav, bieder und gebastelt — Laubsägearbeiten der Leinwand.
Und was die Thematik betrifft, so scheinen die gezeigten Figuren nicht tragfähig für interessante Aussagen: Die Symbolik von Bettler, Rabbi, Puppe, Spielkarte, Harlekin und Uhr ist nicht mehr die unsere, sie spiegelt nichts von den gegenwärtig vorherrschenden psychischen, sozialen und politischen Verhaltensweisen.
Was diese Ausstellung so exemplarisch macht, sind nicht die gezeigten Bilder, sondern die Rezensionen, die Edelmann gewidmet wurden und werden. Seit Janssen und Wunderlich sind auch für Hamburger Künstler überregionale Maßstäbe verbindlich. Kaum ein anderer Hamburger Künstler ist in dieser Stadt jedoch so hochgelobt, so sehr als Repräsentant des „Neuen Realismus ausgegeben worden wie er. Aber was heißt hier „Neuer Realismus"? Es gibt diese stilistische Konstellation in den USA, aber dort bedeutet sie etwas anderes. Und' die „Realisten". hierzulande bilden doch gewiß keine Gruppe, durch die das Kunstleben mitbestimmt wird. Das soll nicht heißen, daß der Rezensent gegenständliche Malerei ablehnen würde; nur ein einziges Bild Dietmar Lemckes wiegt Edelmanns Oeuvre auf.. . ¦ Wilfried Wiegand ¦
1966